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Stationäre Anbieter im E-Commerce (2/3): Hochwertiges braucht ein hochwertiges Umfeld

Weihnachten steht vor der Tür. Die Innenstädte platzen in Kürze wieder aus allen Nähten. Nicht nur, die Weihnachtseinkäufe sind hierfür der Grund, sondern vor allem auch die Weihnachtsmärkte, die – wie hier in Münster ganz besonders – Menschen von fern und nah anlocken. Und damit gesellen sich zu den Einzelhändlern weitere Anbieter, die im vorweihnachtlichen Treiben ihre – mal mehr mal weniger – außergewöhnlichen Produkte an Konsumwillige verkaufen möchten. Nicht wenige dieser Anbieter setzen bewusst auf die letzten Wochen des Jahres und die teuer erkauften Standplätze in den Großstädten. Einige Märkte kuratieren ihre Standmieter – etwa in Köln auf der Domplatte oder eben hier in Münster – und legen Wert darauf, dass selbstproduzierte Artikel und Produkte verkauft werden. Das führt bei einigen kleinen Handwerksbetrieben und lokalen Erzeugern dazu, dass viele Monate des Jahres vor allem für diese Weihnachtsmärkte produziert und organisiert wird. Ansonsten wird eben verkauft, was vor Ort – und das ist in vielen Fällen die eher ländliche bis kleinstädtische Umgebung – nachgefragt wird. Mundpropaganda ist dabei nicht selten das wichtigste Marketinginstrument.

Handmade-Marktplätze im Internet

Beispiel einer automatisierten Übersetzung bei Dawanda

Übersetzungen wie bei Alibaba: Dawanda

Mit dem Aufkommen von Etsy und Dawanda hat sich daran ein wenig geändert. Sie waren die ersten größeren Plattformen, die Handwerksbetrieben, aber eben auch semiprofessionellen Anbietern und Hobbyhandwerkern die Möglichkeit boten, in eigenen Schaufenstern ihre handgemachten Waren und Produkte anzubieten. Das Angebot entspricht bei beiden Marktplätzen in etwa dem, was heute beispielsweise am Prenzlauer Berg in friedlicher Koexistenz zu finden ist: spezialisiertes Kunsthandwerk, Designerstücke mit eigenem Label oder die im Café nebenbei verkauften selbsthergestellten Kindermoden sowie Collagen, Fotodrucke oder Malereien von Hobbykünstlern.

Dawanda gibt obendrein noch Anleitungen für Freizeitunterbeschäftigte, die vom Handmade- und DIY-Trend profitieren wollen. So lassen sich im Handumdrehen Betonkissen Kerzenhalter selber machen oder mit Hilfe von Videotutorials Fadenbilder anfertigen. Wer sich in diesem optisch sehr modernen Umfeld als professioneller Handwerker durchsetzen und inszenieren möchte, ist mittlerweile darauf angewiesen sogenannte Logenplätze zu buchen. Andernfalls droht er im Gemischtwarensortiment von „Strickliesl“ und nach Alibabascher Manier übersetztem Feld-, Wald- und Wiesenhandwerk unterzugehen. Das ist nicht wirklich das Umfeld, das sich ein anspruchsvoller Handwerksbetrieb oder lokaler Erzeuger mit hochpreisigen und einzigartigen Produkten wünschen dürfte.

Hobbyhandwerker und professionelle Manufaktur in einem Portal?

Übersetzung á la Etsy

Übersetzungen wie bei Dawanda: Etsy

Neben Dawanda wurde in den letzten Jahren vor allem Etsy hochgejubelt. Auch hier finden sich zahlreiche handgemachte Produkte unterschiedlicher Herkunft – sowohl was die Region als auch was die Kunstfertigkeit des jeweiligen Anbieters angeht. Auch in punkto Übersetzung für deutsche Kunden steht etsy dawanda in nichts nach, wie der Screenshot belegt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich mag diese neuen Angebotsplattformen durchaus, schon allein, weil sie Alternativen zum Massenkonsum bieten und mitunter auch Chancen für begabte Hobbyhandwerker, die eine neue Existenz aufbauen möchten. Nur bietet auch etsy letztlich denjenigen, die Produkte anbieten möchten, die im besten Sinne des Wortes als Handwerkskunst bezeichnet werden, nicht wirklich das passende Umfeld.

Wo bleibt die Qualitätskontrolle?

Wo sonst aber können kleine Handwerksbetriebe und Selbsterzeuger ihre Waren und Produkte angemessen über das Internet verkaufen? Für einen eigenen Shop reicht es wie so oft nicht. Selbst wenn dieser aufgebaut werden könnte, mangelt es letztlich am Geld für die Vermarktung. Amazon und eBay sind aber eben auch keine Lösung für Manufakturen, die Möbel, Lederwaren, Skulpturen, Taschen, Schuhe, Schmuck, Accessoires, Naturkosmetik herstellen oder Modedesigner mit kleinem Ladenlokal. Frei nach dem Amazon-Motto „Kunden, die diese Artikel kaufen, kaufen auch…“ lässt sich die Anbieterseite um die Selbsterzeuger erweitern, die angesichts von industriell hergestellten Lebensmitteln und Getränken immer beliebter werden: Kleinbrauereien, Destillerien, Familienweingüter, Olivenölmühlen, Bäckereien, Konditoreien – also sämtliche Prozudenten von echten Delikatessen. Diese Produkte brauchen alle ein Umfeld, in dem das Warensortiment und die Hersteller kuratiert werden, also jemand bewertet, wer zu Recht dort verkaufen darf und wer nicht.

Artimondo zeigt wie es gehen kann

ArtimondoNun ist ein Marktplatz an den Start gegangen, der genau das macht: Artimondo. Keimzelle des neuen Online-Angebots ist mit L’Artigiano in Fiera, die weltgrößte Messe für Handwerkskunst. Diese wurde Mitte der 90er Jahre gegründet mit dem Ziel, kleinen Handwerksbetrieben eine Plattform zu geben, um ihre Marktposition zu stärken. Mittlerweile sind hier annähernd 3.000 Anbieter aus mehr als 100 Ländern vertreten. Mit Artimondo haben die Veranstalter der Messe ihren Ausstellern die Möglichkeit geschaffen das ganze Jahr über – ohne eigenen Online-Shop – über das Web zu verkaufen. Die deutsche Version steht noch am Anfang, umfasst aber vom Start weg bereits 800 Anbieter mit rund 20.000 Produkten. Entscheidend dabei: Jeder Betrieb wird überprüft. Jede Übersetzung gegengelesen. Die Herstellungsverfahren und Produktionsbedingungen der Handwerksbetriebe und Erzeuger werden zudem dokumentiert. Die Messlatte für neue Anbieter liegt somit hoch, für potentielle Käufer aber ergibt sich so ein klares Bild, welche Qualität zu erwarten ist.

das-manifest-von-artimondo

Herzblut und Liebe zum Detail

Artimondo gibt so Klein- und Kleinstbetrieben eine echte Chance von der Globalisierung, die sie noch vor wenigen Jahren als Existenzbedrohung wahrgenommen haben, zu profitieren. Sie liefern Fotos und Texte, um den Rest kümmern sich die Plattformbetreiber: Pflege des Shops, Übersetzung, Payment und sogar Kundenservice. Das macht durchaus Sinn, denn so bleiben die Betreiber des Marktplatzes über die Qualität der dort vertretenen Anbieter auf dem Laufenden – zum Wohle aller. Das Ganze erfordert Herzblut und vor allem einen großen personellen Aufwand – anders aber kann eine ausgewogene Qualität nicht garantiert werden. Das Ergebnis kann sich schon in diesem frühen Stadium sehen lassen. Noch stimmen kleine Details nicht, aber die Auswahl an ungewöhnlichen, einzigartigen und zudem nachgewiesenermaßen professionell hergestellten Produkten und Erzeugnisse ist in der Tat beachtlich. Man darf mehr als gespannt sein, wie sich das Angebot weiterentwickelt.

In der Blogreihe „Stationäre Anbieter im E-Commerce“ ist bereits erschienen:

Teil 1: Lokale Einkaufsportale

Zum Abschluss erscheint Teil 3: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Blogs und Medien, die sich ebenfalls mit dem Thema befassen:

Utopia.de: Selbstgemacht 2.0: Etsy und DaWanda
Tagesspiegel: Das Selbstmach-ImperiumSpiegel Online: Wir häkeln uns einen Job
etailment.de: Lokale Marktplätze: Mehr als ein Srohhalm?
internetworld.de: Artimondo startet von Mailand aus in die Welt

Disclosure: pr://ip hat die Kommunikation für Artimondo in Deutschland und UK übernommen. Die gesamte Entstehungsgeschichte der Messe und des angeschlossenen Online-Marktplatzes hat uns zutiefst überzeugt und spiegelt sich gut im Manifest der Macher wieder. Ab Montag werde ich mich vor Ort noch einmal auf der vom 29. November bis 8. Dezember stattfindenden L’Artigiano in Fiera vom aktuellen Potenzial des neuen Online-Angebots überzeugen. Die Plattform wird sich in Kürze vermutlich auch für Anbieter öffnen, die nicht in Mailand ausstellen.

 

Christoph Salzig

Gründer, Inhaber, Mastermind und Backbone. Kommunikationswissenschaftler, M.A. Interpreter of Digital Business. War BVDW-Pressesprecher von 2001 bis 2008. Ist Berater, Moderator, Referent, Seminarleiter, Coach und Mitglied beim 1. FC Köln.

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