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next10: Es muss nicht immer Kaviar sein

„I think, we don’t need to talk about social media any more.“ – Na, also das wäre gewiss nicht das beste Argument gewesen, um mir ein Reise- und Spesenkonto für zwei Tage next10 in Berlin einrichten zu lassen. SinnerSchraders next ist immerhin eine Institution unter den deutschen Webkonferenzen – mit internationaler Anbindung. Darüber hinaus versprach der Titel der diesjährigen Zusammenkunft „Game Changers“ weit mehr als „Malen nach Zahlen“ rückblickend formulierter Prognosen à la: „Es war schon damals absehbar…“ oder „Die bisherige Gesamtentwicklung zeigt, dass wir neue Ideen brauchen“. Aber dazu später mehr.

Willkommen wörtlich genommen

Selten schien mir eine ähnliche Konferenz in einer so optimalen Location untergebracht. Der große Innenbereich mit seinen zahlreichen Sitzarrangements, Bars, der Blogger-Area und „Auslauffläche“ war eindeutig von dem Vorsatz geprägt, allen Interessengruppen ein Optimum an Wohlgefühl zu vermitteln. Wer sich hier auf Basis der Räumlichkeiten eingebremst sah, ausgiebig zu networken, arbeitet in der falschen Branche. Zu den anregenden Annehmlichkeiten gehörte zweifellos auch das erstklassige Catering, das vom tranchierten Parma-Häppchen bis zur guten Currywurst, je nach Tageszeit, mehr als nur keine Wünsche offen ließ. Ja, so fühlte ich mich denn auch tatsächlich willkommen!

Aber deswegen wollte ich ja nicht nach Berlin. Das konnte ich ja vorher auch nicht ahnen. Das Ziel war, auf eine Veranstaltung zu kommen, auf der es um das „What’s next“ der digitalen Branche geht, eine Konferenz, die mit einem Anteil von ca. 10  Prozent User und 90 Prozent Creators nicht weniger verspricht als einen Blick in wegweisende Ideenwelten der digitalen Kommunikation. Meine Erwartungen beinhalteten nicht weniger als Inspiration, Anregung, Knowledge, verschiedene Perspektiven und Visionen von der digitalen Zukunft. Ich erwartete nicht nur Wandlungswillige, sondern vor allem Wandlungsvollstrecker, Game Changers eben!

Next please!

Leider hat mich die Qualität der Vorträge überraschend oft mit meinen Erwartungen allein gelassen. Das begann zum Teil sogar schon mit der offensichtlichen Herausforderung der freien Rede, der nicht wirklich alle Redner gewachsen schienen. Dann noch in Kombination mit einfach nicht vorhandener Bühnenpräsenz, wirkten einige Vorträge wie ein Frontalangriff auf meine Konzentrationswilligkeit. Keynote Speaker Peter Lovatt brachte einen Großteil der 1.300 Teilnehmer gleich morgens auf Drehzahl – weniger mit visionären Ideen als mit visionärem Rednertalent. „If you want to break out of your pattern, you can break out, but it will be different. (…) And if everything fails what your’re doing, just dance.“ Sicherlich unkonventionell, aber mit einem Showfaktor bei maximaler Punktzahl. „Zero points“ hatten hingegen Vorträge verdient, in denen etwa ein Vertreter von Microsoft Advertising darauf hinwies, dass Werbung heutzutage, wenn sie denn in Social Networks eine Chance auf Wahrnehmung haben will, mehr bieten müsse, als bisher. In diesem Kontext Personen zu nennen, scheint mir unangebracht, denn dahinter steht sicher ein gerüttelt‘ Maß Corporate Communication – oder besser: Lack of Corporate Communication.

Die kleine Sau von Jung von Matt machte hinterher in der Tat einen  getriebenen Eindruck.

Die kleine Sau von Jung von Matt machte hinterher in der Tat einen getriebenen Eindruck. (Foto: ND)

Wie schmal der Grat zwischen Weg weisendem Input und wegweisendem Input haben unter anderem ausgerechnet Vertreter renommierter Kreativ-Schmieden wie Jung von Matt oder Scholz & Friends aufgezeigt. Leider sind sie mit ihren Beiträgen meiner Meinung nach in die Knie gegangen. Auf dem Weg zum Panel „10 Minutes of Schweinkram“ frotzelte ich einer Teilnehmerin noch unbedarft zu, dass es schon seit den 90er Jahren eine Website gibt (Schweinebilder.de), auf der Bilder…. von Schweinen zu sehen waren. Minuten später blieb mir dann vor lauter Staunen die Spucke weg: Wieder sah ich Bilder von Schweinen und ein herzzerreißend niedliches, analoges Ferkel, mit dem die sprichwörtliche Sau (iPad) zum wahrscheinlich x-ten Male durch das ebenso sprichwörtliche Dorf getrieben werden sollte.

Den Vogel – im Rahmen der von mir gesehenen Beiträge – schoss dann aber eine gestandene Lesung (!) ab, die unter anderem mit der folgenden Kernaussage aufwartete: „I think, we don’t need to talk about social media any more.“ – Hätte der von Scholz & Friends mit dem Label Social Media Director versehene Redner genau da spontan aufgehört, hätte man ihm zumindest noch ein gewisses Maß an provozierendem Potenzial attestieren können. Jedoch, nachfolgend wurde inhaltlich noch schärfer geschossen: Seine enorm „kritischen Fragen“ zur digitalen Zukunft und „schonungslosen Bestandaufnahmen“ zur aktuellen Lage im Wechsel gipfelten schließlich in der erschütternden Erkenntnis: „If you wanna do anything on social web (…) there is one thing you need first, that’s ideas!“

Weckrufe

So geprägt, hatten es andere Vortragende recht schwer, mich aus den Phasen des Wachschlafes zu reißen. Cindy Gallop gelang das weniger mit ihren Inhalten – „Just be yourself! Do what you always wanted to do!“ – als mit einer an Charisma grenzenden Bühnenpräsenz (sogar ohne Mikro!). Auch wenn sich dieser Effekt am Folgetag nicht toppen ließ, bekam ich eine Ahnung von dem, was die next10 wahrscheinlich ausstrahlen wollte.

In dieser Hinsicht machte das Social Media Panel am zweiten Tag aus mir einen begeisterten Zuhörer. Vor allem Andrew Keen erschien als unberechenbarer Hofnarr (im historischen, positiven Sinne: Narrenfreiheit). Bissig, sarkastisch aber auch höchst menschlich rannte er gegen Social Media Paradigmen an. So entriss er Top10-Phrasen wie „Be yourself!“ den Schleier des Progressiven, indem er sagte: „We need to be ourselfs! … Yes! But because we loose our jobs in a world of increasing competition!“ Darüber hinaus geizte er als einziger nicht mit der Warnung vor dem manipulativen Potenzial von Social Web Strategien, die sich auch der neunmalklügste Analyst noch nicht ausmalen könne. Und innerhalb weniger Sätze stand die Frage im Raum, ob er da gerade seine Vorrednerin „my friend Jemima“ (Jemima Gibbons) eher freundschaftlich oder tatsächlich leidenschaftslos, regelrecht auseinandernahm.

DAS waren die Momente, auf die ich mich im Vorfeld gefreut hatte. Hier prallten in der Tat verschiedene Vorstellungswelten aufeinander, hier wurden Thesen riskiert und Konflikte nicht gescheut – hier war nichts mehr zu sehen von angestaubten Powerpoint-Folien und bahnbrechenden Weissagungen wie „Das Web braucht mehr Ideen“! Aber da waren für mich schon eineinhalb Tage next10 vorbei.

Schlussgefolgert

Eine Veranstaltung muss sich refinanzieren. Dass das über den Ticketverkauf allein nicht geht, ist klar. Dass Sponsoreninteressen nicht immer nur mit der Präsentation von Logos und Messeständen gedeckt werden, ist ebenso klar wie legitim.

Die Geschwindigkeit der technologischen und konzeptionellen Entwicklung im Bereich Social Media scheint die Erwartungshaltung an Veranstaltungen wie die next in ihrem Windschatten mitzuziehen. Fachbesucher jedes Jahr auf’s Neue zu begeistern, wird sicher nicht leichter. Es ist wie im Motorsport: Ein Team muss angesichts steigender Entwicklungskosten und einer schwindenden Anzahl potenter Sponsoren immer wieder neue Geldquellen erschließen. Schlussendlich nimmt man einen erfolgreichen, erfahrenen Fahrer und ein hoffnungsvolles… Talent, gefördert von einem Hauptsponsor. Beide fahren gemeinsam in einem Rennen, aber nur einer ist für die Zuschauer und damit den Sport attraktiv.

Würde es auf der next11 gelingen, beide „Fahrerkategorien“ etwas zu separieren – in möglichst eigenen Tracks – dann wären einige wohlmeinende Sponsoren bestimmt noch mehr bemüht, Inhalte und Präsentationen auf ein Maß zu bringen, das Besucher fesselt und zwar nicht nur aus Höflichkeit. Wer als Besucher auf der next10 war, wird dann sicherlich auch bereit sein, etwa beim Catering oder dem allgemeinen Komfort Abstriche zu machen. Es muss nicht immer Kaviar sein.

Ich freue mich auf die next11!
(ND)

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