#Shitstorm: Nicht der Begriff stinkt, sondern die Debatte

+++ Update: Die Diskussion wurde nach der Veröffentlichung dieses Beitrags weiter geführt. S. dazu unten mehr. +++

Heute ist ein neuer Blogbeitrag erschienen, der die Abschaffung des Begriffs Shitstorm fordert. Nach Sascha Lobo in der letzten Woche ist es diesmal Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, der das Wort blöd findet. Während Lobo das Wort wegen der negativen Konnotation und der damit verbundenen Implikationen ablehnt (eine Argumentation, die ich durchaus bedenkenswert finde), stört sich Lünenbürger-Reidenbach schlicht an der Tatsache, dass es in letzter Zeit so oft erwähnt wurde (“…ulkigerweise war es nicht mal überwiegend aus Angst geboren oder zur Abwehr gebraucht. Nur eben zigmal erwähnt”). Und fordert ein Moratorium:

“Vorschlag zur Güte und Bitte an alle, die sich schon etwas länger mit Social Media in der Kommunikation beschäftigen, und an alle, die über so etwas journalistisch berichten: Lasst uns ein Moratorium machen.

Lasst uns das Wort nicht mehr nutzen. Den zum einen werden wir daran dann unterscheiden können, wer ein bisschen Ahnung hat und wer nicht. Und zum anderen sind wir für andere (hoffentlich) manchmal auch Rollenmodelle – und können helfen, diesen absurden, falschen, doofen Begriff wieder in der denglischen Subkultur verschwinden zu lassen, wo er hingehören könnte. Wenn überhaupt.

Vorschlag zur Güte für alle Unternehmen und Marken, die Unterstützung und Beratung bei Agenturen und Beraterinnen einkaufen: Setzt das Wort auf euren Bad Word Filter und alle auf die Blacklist (ich weiß, dass es die bei vielen von euch gibt) derer, mit denen ihn nicht arbeiten wollt, die es weiterhin benutzen.”

Bildbearbeitung: Norbert Diedrich.

Bildbearbeitung: Norbert Diedrich.

Auch wenn ich den Begriff Shitstorm selbst nicht mag (schade, dass ausgerechnet er sich etabliert hat, aber so ist es nunmal), finde ich die Forderung von Lünenbürger-Reidenbach nicht gut.

Und zwar aus diesen Gründen:

1. Das Wort Shitstorm wird verwendet, weil das Phänomen, das es beschreibt, vielen Menschen unter den Nägeln brennt – vielleicht nicht den Beratern selbst, aber denjenigen, die beraten werden. Insofern hat es für mich eine Daseinsberechtigung. Die Tatsache dass das Wort seit einiger Zeit so oft benutzt wird zeigt vielleicht ja auch, dass sich endlich mal mehr Leute damit auseinandersetzen was passieren kann, wenn man als Unternehmen inkonsequent agiert – ob digital oder anderswo. Und mit “mehr Leute” meine ich die, die sich darüber Gedanken machen sollten und bei denen wir uns als Berater für ein Umdenken stark machen. Letztlich zeigt der Hype, dass ein Bewusstsein für das Phänomen von der Digitalszene hin zu allen anderen geschwappt ist. Und das ist doch gut.

2. Ich mag nicht wenn man sich von etwas abgrenzt, nur weil es auf einmal inflationär benutzt oder gehyped wird. Genauso wie ich gute Bands nicht plötzlich blöd finde, nur weil sie Mainstream geworden sind. Klar wird das Wort jetzt vielleicht auch oft in falschen Kontexten benutzt oder zur Bezeichnung von Begebenheiten, die dadurch künstlich wichtiger gemacht werden als sie es waren. Und sicher versuchen auch einige, von denen man sich selbst als „Premium-Berater“ gerne abgrenzen möchte, auf den Zug aufzuspringen. So what, dadurch wird der Begriff selbst nicht falsch. Und wenn ich naserümpfend das Feld räume, überlasse ich es letztlich denen, die mit der Definitionshoheit vielleicht weniger gut umgehen können als ich.

3. Ich mag die Art und Weise nicht, wie jetzt alle das machen sollen, was Lünenbürger-Reidenbach sagt. Durch seinen Aufruf zu einem Moratorium setzt er zumindest diejenigen, die vor seiner Prominenz bzw. seinem Gewicht in der Szene Respekt haben, unter Zugzwang, den Begriff zu meiden. Denn wer will schon auf die Blacklist potenzieller Auftraggeber – und wer weiß schon, ob die das Haltungsturnen-Blog nicht vielleicht gelesen haben? Geht das Konzept auf, hat @luebue sich in seiner Rolle als Influencer bestätigt. Ansonsten hat aber eigentlich niemand was gewonnen. Denn Redebedarf hinsichtlich der Kommunikationsdynamiken in sozialen Netzwerken wird weiterhin bestehen, und über dieselben Sachen wird auch weiterhin geredet werden. Nur unter anderem Namen. Was Sascha Lobo vielleicht reichen wird, Lünenbürger-Reidenbach aber nicht (denn sobald der neue Name sich etabliert, können wir wieder nicht unterscheiden, “wer ein bisschen Ahnung hat und wer nicht”).

Schade finde ich, dass Energie für solche Diskussionen draufgeht, statt den Hype ein wenig zu erden und sinnvolle Vorschläge zu machen, um das Phänomen genauer zu definieren, zu beschreiben, zu kategorisieren. Dabei kommen vielleicht auch ein paar Alternativ-Begriffe raus, die allen besser gefallen.

+++

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach hat heute in einem neuen Blogbeitrag geantwortet. Auch wenn der Ton etwas schärfer geworden ist, muss ich doch feststellen, dass wir inhaltlich nicht sonderlich weit auseinanderliegen.

Luebues Haltung: Wer “Shitstorm” sagt, findet Kundenkritik scheiße. Meine Haltung: Wer “Shitstorm” sagt, beschreibt das Phänomen, dass Kunden sagen “Ich finde das (was ein bestimmtes Unternehmen macht) scheiße”. Das scheint eine der größeren Differenzen zu sein.

Ansonsten gehen wir bei vielem D’accord: Sehr vieles von dem, was derzeit als Shitstorm durch Gespräche, Geschriebenes und (wahrscheinlich auch) Konferenzbeiträge geistert, verdient den Begriff “Empörungssturm” nicht. Wie bereits gestern gesagt, bin ich durchaus für eine genauere, bessere Umschreibung solchen Verhaltens, und ich finde es gut, dass Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach jetzt sinnvolle Alternativen vorgeschlagen hat. Die brauchen wir.

Dennoch bleibe ich dabei, dass es eine über alltägliche Unmutsäußerungen bzw. Nutzerkritik und über die Anforderungen einer “Kultur des Aushaltens” (U. Knaus) hinausgehende Form der Empörung gibt – was ich gut finde, weil es Unternehmen vielleicht zum Umdenken bringt. Und dafür brauche ich auch weiterhin eine treffende Umschreibung. Und so lange keine bessere gefunden ist (ein Anliegen, das ich, um es noch einmal zu sagen, nicht ablehne), werde ich das erst mal weiter Shitstorm nennen.

1 Kommentar

  1. Kai Heddergott 27. Februar 2013 #1

    Ich unterstütze Lea bei dem Vorschlag, das Moratorium nicht zu unterstützen. Sicher ist der Begriff aus einer fachlichen Betrachtung und aus Beraterperspektive ausgelutscht und ein wenig problembeladen. Aber man sollte hier tatsächlich aus Perspektive der Kunden und der beratungsbedürftigen Unternehmen und Institutionen denken: Für sie ist der Begriff ein Packende, in das Thema Social Media bzw. den Aspekt “konfliktbeladene und nutzerintendierte Kommunikation auf öffentlichen Kanälen” einzusteigen. Solche Begriffe machen es Beratern leichter, die nötigen Gespräche zu beginnen und – leider auch eine Plattitüde, hier passt sie aber so verdammt gut – die Kunden da abzuholen, wo sie stehen: Eben am Anfang der Diskussion und Einarbeitung in ein für sie noch komplexes und schwer fassbares Thema.

    Insofern ist das aus meiner Sicht also eine akademische und den Fachzirkeln vorbehaltene Diskussion, deren Übertragung auf die Kunden nur zu Abgrenzung und Unverständnis führt. Wir predigen doch alle mitunter: “Shitstorms muss man auch mal aushalten und wegatmen können”. Dann sollten wir Berater und “Fachleute” auch die Halbwertszeit des Begriffes abwarten und das absehbare Ableben der Begriffskarriere in Ruhe abwarten. Social Media mit den dazu gehörenden Begriffen ist da der Wiedergänger von “Multimedia” und “E-Learning”; diese Begriffe waren gute, weil von vielen Stakeholdern (auch den unkundigen) akzeptierte Begriffe, mit denen man Themen und Beratungsansätze etablieren konnte. Sie sind – völlig zu Recht – in der Versenkung verschwunden oder haben sich verändert oder ins hinterste Glied der Begriffs-Phalanx begegeben, mit der man operiert.

    Daher denke ich auch, dass das bewußte Kommunizieren der mangelnden Passgenauigkeit des Begriffs Shitstorm, zumal zu Beginn von Beratungprozessen, den Eindruck nähren kann, dass man sich selbst für einen Premium-Berater hält, der sich von den Übrigen unbedingt abgrenzen will. Das sollte doch eigentlich durch Performance und Beratungsqualität geschehen und somit eher implizit. Premium-Berater sind nicht die, die das von sich behaupten – denke ich zumindest. Was man aber machen kann: Den Begriff selbst gar nicht aktiv in die Beratung einbringen, allenfalls bei Nachfragen. Genauso verfahre ich mittlerweile mit dem Social Media-Prisma von Ethority – als Berater kann man damit nicht mehr ernsthaft um die Ecke kommen, wer es aber sehen möchte, bekommt natürlich die aktuelle Fassung (aus dem Köcher gezogen) präsentiert.

    Also: Shitstorm bleibt. Solange, wie er bleibt. Und so lange ignorieren wir Berater ihn ein wenig. Das beschleunigt das begriffliche Ableben vielleicht ein wenig.

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