Playmobil und der Sündenfall

Markenführung im Internet – ein heikles Thema, das mit dem Aufkommen von Social Networks, Blogs und Phänomenen wie Crowd Surfing an Brisanz zugenommen hat. Ein besonders kurioses Beispiel für den Umgang von Marken mit ihren Fans liefert aktuell Playmobil, die sich derzeit mit einem evangelischen Pfarrer in einem Urheberrechtsstreit befinden. Zugegeben: Was hier passiert, ist alles andere als alltäglich und klingt wie eine Geschichte aus dem sagenumwobenen Absurdistan.

Den Anlass für die juristische Intervention durch den Spielzeughersteller lieferte der Geistliche ausgerechnet mit Bibelszenen, die er mit Hilfe der Plastikfiguren inszenierte. Bibelszenen, historische Geschichten und Playmobil? Da war doch was? Richtig: Harald Schmidt hat sich ebenfalls der starren Kunststoffpuppen bedient, um beispielsweise Szenen aus dem Dritten Reich nachzuspielen. Doch während der Playmobil-”Jünger” (gemeint ist der Ernst) bei den fränkischen Spielwaren-Produzenten kein besonderes Aufsehen erregen konnte, sieht das mit dem ans Kreuz genagelten Playmobil-Messias oder den nackten, um äußere Geschlechtsmerkmale ergänzten, Adam und Eva anders aus. Insbesondere stören sich die Fürther an den Modifikationen ihrer Puppen – die Hakenkreuzkappe schien seinerzeit offenbar weniger zu stören.

Meine Prognose: Diese Posse wird sich für Playmobil nicht zum Guten wenden. Ein derart unentspannter Umgang mit echten Fans, die ihre Liebe zum Spielzeug mit ihrem Beruf oder besser ihrer Berufung verknüpfen, wird zum Bumerang. Spätestens seit die Süddeutsche das Thema aufgegriffen hat, bekommt dieser Vorfall eine aus Sicht des Fürther Unternehmens sicher ungewollte, aber verdiente Öffentlichkeit. Es ist ja auch schließlich überhaupt nicht einzusehen, warum ein evangelischer Pfarrer aus Hessen juristisch aufgeschreckt wird, während Harald Schmidt alle Freiheiten im Umgang mit der Marke genießen darf. Hoffentlich ziehen die Verantwortlichen in Fürth die richtigen Konsequenzen aus dem Vorfall, der im Kern ja eigentlich keiner ist, und gehen künftig einfach entspannt damit um, wenn ihre Spielfiguren im Web für das eingesetzt werden, wofür sie geschaffen sind: Nämlich situatives Geschehen nachzustellen.

Ich kann hier keine Verfehlung erkennen, auch wenn ich – trotz umfangreicher Sammlung an Playmobil-Devotionalien aus der Kindheit – bisher keine ähnlichen Ideen gehabt habe. Aber manchmal wird man ja durch das unüberlegte Vorgehen anderer erst auf dumme Gedanken gebracht.

Erste Ideen, was sich mit Playmobil-Puppen alles anrichten ließe, habe ich bereits: Das Stauffenberg-Attentat (Augenklappen gehören ja zum Playmobil-Piratenstandard) oder die Schlacht am Little Big Horn (auch hier gibt es bereits umfangreiches Inventar). Inwieweit ich die Figuren dabei ganz lasse oder einzelne Körperteile entferne überlege ich mir noch. Im Web kursieren schon filmische Vorlagen, die mit Playmobilfiguren inszeniert wurden, über weitere Anregungen und Ideen freue ich mich.

Update:

Offensichtlich kam es erst in den letzten Tagen zu einem Sinneswandel bei Playmobil, nachdem das Projekt lange Zeit (zwei Jahre) wohlwollend beutreilt wurde. Das zumindest schreibt das “Weblog des christlichen Magazins pro“. Lego scheint übrigens wesentlich entspannter mit dem Thema umzugehen, zumindest ist mir keinvergleichbarerVorstoß gegen “The Brick Tetstament” bekannt. Aber die Dänen sind ja eh viel liberaler im Umgang mit religiösen Themen, wie wir seit den Mohammed-Karikaturen wissen;-)

Update 2:

Hier finden sich weitere Kommentare

-1 Trackbacks

  1. Playmobil: Biblische Geschichten sind „nicht kinderfreier Inhalt“ | Die CVJM in Nürnberg

4 Kommentare

  1. Yitu 31. März 2009 #1

    Werde das Thema Aufgreifen. Es gibt ja auch ägyptisches Playmobilspielzeug, das mich auf tolle Ideen bringt. :)

    Herzliche Grüße aus Essen,

    Yitu

  2. Rudolf 31. März 2009 #2

    Nun ja, zumindest sei auf die umfangreiche Sammlerschaft/Fangemeinde verwiesen, die teilweise auch Playmobil zu szenischen Gestaltung einsetzt:
    u.a.:

    http://www.klickywelt.de

  3. Frank Kemper 31. März 2009 #3

    Den Klassiker unter den Playmobil-Animationsfilmen hast Du natürlich vergessen:

    http://tinyurl.com/bc5zo4

    (Wenn das der Harald erfährt, dann gibt es Mecker)

    Frank

  4. Enno Schummers 31. März 2009 #4

    Gibt es noch weitere “Worst-Cases”, bei denen Unternehmen Ihre Fans vergraulen anstatt zu fördern?

    Schreib gerade meine Diplomarbeit über Social Media und das ist ein sehr gutes Beispiel! Wär dankbar über noch weitere :) ! #crowdsourcing

    VG,
    Enno

  5. Christoph Salzig 31. März 2009 #5

    Ich empfehle hierzu die Kontaktaufnahme zu Prof. Dr. Schengber (DSaF GmbH oder Twitterprofil), der in seinen Vorträgen und Workshops auch immer wieder Negativbeispiele für diese Form der unentspannten Vorgehensweise von Unternehmen thematisiert. Das nächste Mal übrigens beim DMMK in Workshopform am 8. Juni in Berlin.

  6. Godwi 31. März 2009 #6

    An Harald Schmidt wird sich Playmobil deshalb nicht herangetraut haben, weil da auch der schlechteste PR-Mensch weiß, dass eine solche Aktion gegen ihn umschlagen müsste. Gegen einen Pfarrer aus Hessen wagen sich die kleinen Geister vor. Wer aber heute die Blog- und Presselandschaft durchwühlt, merkt sehr schnell, dass die PR der Firma Playmobil sich da einen Bärendienst erwiesen hat.

    http://tonwertkorrekturen.wordpress.com/2009/03/31/playmobil-bibel/

    Godwi

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